Lass mich deine Herrlichkeit sehen!
Faith Impulse

Pastorin, Erwachsenenbildung

Der Weg von der Knechtschaft in die Freiheit
Das Volk Israel hat schon eine gute Wegstrecke von seinem Weg aus der Knechtschaft in Ägypten in die Freiheit und Eigenständigkeit im verheißenen Land hinter sich. Die Menschen haben mit Gottes Hilfe Hunger und Durst überwunden. Sie haben Manna und Wachteln gegessen und Wasser getrunken, das aus dem Felsen entsprungen ist.
Am Berg Sinai hat das Volk mit den Zehn Geboten nicht nur Gottes Weisungen empfangen, um für ein Leben in der Freiheit gerüstet zu sein. Es kam auch zu einer großen Krise. Wegen der langen Abwesenheit des Mose auf dem Berg hat das Volk rebelliert. Sie wollten einen Gott, der mit Händen greifbar ist. So entstand das Goldene Kalb, das sie verehren wollten.
Doch Gott schickte Mose unverzüglich vom Berg hinunter. Er ließ diesen Gott zum Angreifen zerstören und das Volk musste das Goldpulver in Wasser aufgelöst trinken. Der Gott zum Angreifen wurde zu einem Gott zum Einverleiben, ein Gott, den man essen und trinken kann. Aufgrund der Fürbitte des Mose blieb die Strafe für die Abkehr vom Gott Israels jedoch überschaubar.
Moses besonderer Wunsch
Zwischen Mose und Gott ist mit der Zeit eine besondere Beziehung gewachsen, sodass in Mose ein besonderer Wunsch herangewachsen ist: „Lass mich deine Herrlichkeit sehen!“ (2. Mose 33,18) Lass mich, Gott, etwas von deiner Größe und Erhabenheit erfahren. Lass mich, Gott, etwas von dir erleben, sodass ich meine eigenen Fehler und Schwächen hinter mir lassen kann. Gib mir etwas von deiner Größe, damit ich über mich hinauswachsen kann.
Dieser Wunsch ist gar nicht so vermessen, wie er vielleicht klingt. „Lass mich deine Herrlichkeit sehen!“ War das nicht auch schon der Wunsch unseres eigenen Herzens? Dass wir alles, was uns so irdisch und nichtig vorkommt, hinter uns lassen können. Dass dieser Gott, an den wir uns wenden und zu dem wir beten, doch endlich einmal greifbar und erfahrbar wird. Dass Gott sich uns nicht immer wieder entzieht und entschwindet, wer hätte sich das nicht schon einmal gewünscht. So Gott allein, ganz und pur erfahren, direkt und unvermittelt. Wie schön wäre das!
Gottes Herrlichkeit zu sehen — eigentlich wundere ich mich, dass das immer noch Moses Wunsch ist. Kaum eine Person der Bibel ist Gott so nahe gekommen wie Mose. Am Dornbusch hat sich Gott ihm mit dem Namen vorgestellt: „Ich bin der Ich-bin-da“. Bei all den Wundern, die im Zusammenhang mit den Plagen in Ägypten geschehen sind, hat Mose immer wieder Gottes Wirken erlebt. Auf dem Berg Sinai war Gott in einer Wolke da und hat so mit Mose gesprochen. Ja es heißt sogar, dass Gott mit Mose von Angesicht zu Angesicht gesprochen habe wie ein Mann zu seinem Freund redet (2. Mose 33,11). Und wir haben es selbst gehört, dass Mose Gnade vor Gottes Augen gefunden hat. Ist das immer noch nicht genug?
Ein Wunsch nach Sicherheit und Geborgenheit
Was steht denn hinter dem Wunsch, die Herrlichkeit Gottes sehen zu wollen? Da ist einmal unser Bedürfnis nach Sicherheit. Wir wollen etwas zu fassen bekommen oder in der Hand haben. So wie das Volk Israel das Goldene Kalb zum Anfassen haben wollte. Wir wollen Gott ganz auf unserer Seite wissen und sicher sein, dass auch wir Gnade vor seinen Augen finden und dass diese Gnade uns nicht verloren gehen kann.
Hinter dem Wunsch, Gottes Herrlichkeit zu sehen steht auch die Sehnsucht, nach einer Geborgenheit, die niemals aufhören soll. Sie geht so weit, dass wir mit Gott eins werden wollen. Die unüberwindbare Grenze zwischen Gott und Mensch soll für einmal auflöst sein. Ganz bei Gott sein und ganz von ihm umfangen sein, ja vielleicht auch so sein wie er ist: Ganz von Liebe erfüllt sein und damit ganz sein. Gott so schauen, wie er ist, ohne Vermittlung und ohne Schutz, ohne Gleichnisse und Worte.
Gottes besonderer Schutz
Aber, so erfahren wir es durch diese Geschichte von Mose: Gott pur — das gibt es nicht. Selbst Mose, der Gott so nahe stand, darf Gott nicht direkt von Angesicht zu Angesicht sehen. Nur geschützt ist das möglich, zwischen den starken Wänden einer Felsspalte, verdeckt von Gottes Hand, von hinten noch etwas von seiner Rückseite erhaschend.
So verläuft die Begegnung zwischen Mose und Gott. Geschützt und von hinten her nachschauend, ist sie so gestaltet, dass Mose nicht zu Schaden kommt. Denn so sagt es Gott selbst: „Kein Mensch kann mich sehen und am Leben bleiben.“ (2. Mose 33,20) Es liegt ein besonderes Geheimnis in diesem Satz: Wer Gott sieht, muss sterben, aber wer stirbt wird Gott schauen, sagen wir.
Vielleicht ist das, dass wir Gottes Herrlichkeit nicht direkt sehen können seine besondere Art der Gnade, die Gott uns schenkt. Ich kann es mir nicht vorstellen, dass Gott es ablehnt oder dass er sich ärgert, wenn wir ihm zu nahe kommen. Vielmehr tut es uns Menschen nicht gut, Gott direkt zu begegnen. Indem sich uns Gott entzieht und sich von uns nur von hinten sehen lässt, schenkt er uns einen Raum der Freiheit.
Ein eigener Raum ist nötig
In diesem Raum können wir uns bewegen und unser eigenes Leben führen. Stünden wir Gott direkt gegenüber, würde uns seine Herrlichkeit überwältigen und erdrücken. Dass Gott uns also seinen Rücken zuwendet, ist ein Zeichen seiner Liebe. Direkt vor Gott zu sein, nähme uns unser eigenes Selbst. Wir würden vergehen. Durch den Schutz vor seiner direkten Gegenwart gewährt uns Gott ein eigenständiges Leben. Er drängt sich uns nicht auf in seinem Dasein. Er schenkt uns vielmehr die Freiheit, unser eigenes Leben zu gestalten, quasi im Schatten seiner Gegenwart und nicht geblendet von seinem Licht.
In dieser biblischen Geschichte ist von dem Raum die Rede, den Gott uns zur Freiheit schenkt. Gott sagt zu Mose: „Siehe, da ist ein Platz in meiner Nähe.“ (V21) Das ist ein Ort — bei mir — neben mir — da sollst du auf dem Felsen stehen. Gott weist Mose einen eigenen Raum, einen Standort zu. Er schafft ihm einen Platz.
Mose möchte jedoch das andere. Nicht den eigenen Platz, sondern die größtmögliche Nähe. Er möchte die Grenze zu Gott lieber aufheben als eigenständig zu sein. Gott hält jedoch an der Grenze fest, damit wir nicht die Plätze verwechseln und uns an seine Stelle setzen.
Gottes Liebe vereinnahmt nicht
Gott erweist sich nicht dadurch als Gott, dass er den Menschen überwältigt oder vereinnahmt mit seiner Liebe. Gottes Anliegen ist es vielmehr, dem Menschen einen eigenen Standpunkt zu geben. Er beschränkt sich selbst, damit Platz da ist für den Menschen. Der Mensch soll nicht an Gottes Stelle treten, sondern seinen eigenen Platz und Raum finden, wo er sein Leben gestalten kann.
Mit dieser Begrenzung auf unseren eigenen Standpunkt zeigt uns Gott, wie er seine Liebe verstanden wissen will. Nicht als eine Liebe, die alles verschlingt und erdrückt, sondern als eine Liebe, die zur Freiheit befähigt. Als eine Liebe, die uns ermutigt, uns selbst zu entdecken. Als eine Liebe, die liebt, von sich aus, weil Gottes Wesen die Liebe ist.
Gott liebt uns, weil er ganz Liebe ist, nicht weil wir so gut, so toll oder so besonders schön sind. Wir sind liebenswerte Menschen, weil wir von Gott geschaffen sind, weil wir Kinder seiner Liebe sind. Gott liebt, weil er liebt. Das ist seine Gnade, die er uns schenkt.
Jesus – die verborgene Herrlichkeit Gottes
„Lass mich deine Herrlichkeit sehen!“ Das ist der Wunsch des Mose. Das ist dieser menschliche Wunsch, ganz in Gottes Nähe zu kommen und zu bleiben. Aber zu diesem menschlichen Wunsch gibt es noch einen anderen Satz, der uns Gottes Seite dieses Anliegens zeigt: „Und das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.“ (Joh 1,14).
Wir kennen diesen Satz aus dem ersten Kapitel des Johannesevangeliums. Er gehört zum Evangelium, das am Weihnachtstag gelesen und gehört wird. Wir wissen diesen Satz zu deuten: In Jesus Christus hat Gott seine Herrlichkeit sichtbar gemacht. In ihm hat Gott diesem menschlichen Wunsch entsprochen, dass wir seine Herrlichkeit sehen können. Und in der Sprache des Johannesevangeliums kann man sagen: Wer Jesus, den Sohn sieht, der sieht auch den Vater.
Doch machen wir es uns bewusst: Die Herrlichkeit Gottes, die wir in Jesus Christus sehen, das ist eine ganz andere Herrlichkeit als wir sie uns in dieser Sehnsucht wünschen, wenn die Grenze zwischen allem Menschlichen und Göttlichen aufgehoben sein soll. Wir wissen wie Jesus den Menschen begegnet ist. Er hat ihnen diesen Freiraum zugesprochen, in dem sie ihren eigenen Standpunkt finden durften.
Aber die Herrlichkeit Gottes ist auch in Jesus verborgen. Wir sehen sie nicht unmittelbar und offen daliegen. Die Herrlichkeit Gottes ist verborgen in Jesu Leiden und Sterben. In Jesus offenbart und verhüllt sich Gott zugleich. Jesus ist wie die Hand Gottes, die sich schützend über den Mose in der Felsspalte legt. In Jesus zeigt sich Gott in einer Weise, wie wir ihn wahrzunehmen vermögen, ohne dass wir deswegen vergehen müssen.
Der heilsame Abstand
Die Geschichte von Mose, der die Herrlichkeit Gottes schauen möchte und der doch nicht mehr zu sehen bekommt als Gott von hinten hinterher zu sehen, diese Geschichte erzählt uns von der Freiheit des Menschen und von der Freiheit Gottes. Gott ist frei in seiner Liebe. Er liebt, weil er Liebe ist und das ist seine Gnade.
In dieser Liebe schenkt Gott uns Menschen die Freiheit, unseren eigenen Raum einzunehmen und so unsere Liebe zu entfalten. Es braucht diesen Abstand, wo jeder das Seine sein kann. Es braucht diese Distanz, damit Gott Gott bleibt und der Mensch Mensch ist. Es braucht diesen Abstand, damit dazwischen die Liebe wachsen kann: Liebe, wo sich jeder dem anderen in der je eigenen Freiheit schenken und sich dem anderen zuwenden kann. Amen.